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Charakterskizze des autoritär erzogenen Österreichers



Ehe wir der autoritären Erziehung verlustig gehen, möchte ich ihr ein Denkmal, oder besser Mahnmal setzen, indem ich mich an den Versuch heranwage, ihr trauriges Opus, den "selbst-losen", gehorsamen, naturentfremdeten und innerlich leeren Menschen in seinen grundlegenden Wesenszügen zu beschreiben. Wenn auf der Reise durch seine Seele en passant tiefe Wurzeln von Krieg, Umweltzerstörung und männlicher Machtsucht freigelegt werden, dann ist das nur willkommen, zumal die an der sichtbaren Oberfläche ansetzenden Erklärungsbemühungen meist unbefriedigend auszufallen pflegen. Schließlich hoffe ich auch, das Wesen der abendländischen Gesellschaften, die sich mit Hilfe der autoritären Erziehung so hartnäckig (evolutionslos) reproduzieren, weiter zu erhellen.

Werfen wir einen nüchternen Blick auf die Österreicher: Strotzen wir vor Selbstwertgefühl, oder sind wir nicht in der großen Mehrheit würdige Deix-Modelle? Gäbe es keine notleidende Alpenvolksseele, worüber hat dann Erwin Ringel geschrieben? Überspitzt formuliert gleicht das Postnaziösterreich einer Truppe verkrüppelter Seelen mit prominenten Clubs von Schizophrenen, Neurotikern, Psychotikern, Paranoiden, Depressiven und Selbstmördern. Die "Normalen" täten gut daran zu erkunden, warum und vor allem um wieviel sie der pathologischen Zone entgangen sind (laut Definitorik der heute gültigen Normalität, die nicht selten als der eigentliche Wahnsinn betrachtet werden muss). Ein Blick auf die "kollektive Pathologie" oder eben die Charakterbeschreibung des typischen autoritär erzogenen Österreichers, dessen Kindheit alle Zutaten für einen gelungenen Schiffbruch in der Persönlichkeitsentwicklung enthält, mag den "Gesunden" einladen, sich der Haaresbreite bewußt zu werden, die ihn vom Abgrund trennt, um einerseits den Abstand auf sichere Distanz zu vergrößern und andererseits endlich die Gradwandler und Absturzopfer zu verstehen - als nächstverwandte, vom eigenen Entwicklungsstand oft nur wenige Zentimeter entfernte Mitmenschen.

1. Unterlegenheit und Angst:
Da autoritäre Eltern ein fixes Bild davon zu haben pflegen, wie ihr Spross denn so gedeihen soll, wie sie ihn formen und schmieden wollen, kollidieren die Bedürfnisse notwendigerweise. In diesem Urkonflikt ist das Kind immer der Schwächere. Seine Schlüsselerfahrung ist Unterlegenheit, die daraus resultierende Hauptempfindung Angst (vor Strafe, Gewalt oder Liebesverlust). Die Angst wird zum wichtigsten Lebensantrieb der autoritär Erzogenen. Sie suchen nicht vorrangig Lust, sondern Unlustvermeidung. Eine "defensive Lebensführung" kennzeichnet sie. Sie weichen all jenen Verhalten aus, welche die in ihnen weiterlebenden Eltern missbilligen würden. (Ängstlicher) Gehorsam eilt nicht nur voraus, er hält auch lange an.

2. Selbstverrat, Selbsthass:
Wenn das Kind lernt, sich an den Gefühlen, Gedanken, Werten der stärkeren Eltern zu orientieren, unterdrückt es das eigene Innenleben: es begeht Selbstverrat, der seinerseits Selbsthass auslöst. Wenn ich mir verbiete, so zu sein, wie ich bin (und sei es nur aus Furcht vor Strafe oder Liebesverlust), kann ich nicht mein Freund sein.

3. Verlust von Autonomie, Anpassung, Gehorsam:
Anstatt also das Meine zu leben (Autonomie), dränge ich es zurück und nehme das Fremde herein (Heteronomie). Ich verlerne, in mich hineinzuhorchen und achte bald nur mehr darauf, was von außen kommt. Ich passe mich an und lege den Grundstein für meinen Gehorsam, den ich jederzeit zu leisten bereit bin, wenn ich nur im Gegenzug mit der elterlichen Liebe rechnen kann.



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